Home Organisation Sprint | In fünf Tagen von der Idee zum Prototypen

Sprint | In fünf Tagen von der Idee zum Prototypen

by Christina
Lesedauer ca. 8 Minuten

Vor etwa zwei Jahren habe ich an der Uni an einem Gründerworkshop teilgenommen, der mehrere Monate dauerte und etwa alle zwei Wochen für drei bis vier Stunden stattfand. Redner waren dabei Personen aus der Bergischen Gründerszene wie Unternehmensberater, Finanzsberater und (natürlich) Firmengründer aus dem Mittelstand. Diese irre spannenden Einblicke in Unternehmensführung waren jedoch nur ein relativ kleiner Teil des Workshops.

Den Hauptteil nahmen Methoden zur Unternehmensgründung ein. Darunter Werkzeuge zur Ideenfindung, zur Finanzierung, zum Schreiben eines Businessplans bis hin zu Präsentationstechniken. Fast alles davon setze ich noch bis heute für Projekte aller Art ein.

Speziell eine Thematik ist mir jedoch besonders in Erinnerung geblieben: Der Sprint. Das Buch zur Technik mit dem Titel »Sprint – how to solve big problems and test new ideas in just five days« habe ich allerdings erst vor kurzem entdeckt. Geschrieben wurde es von den Entwicklern der Methodik, Jake Knapp, John Zeratsky und Braden Kowitz. Entwickelt haben sie es übrigens im Rahmen der Google Ventures (heutzutage kurz GV genannt). Inzwischen wird diese Methodik bis heute bei hunderten von Unternehmen erfolgreich eingesetzt.

Worum geht es überhaupt?


Normalerweise durchläuft die Entwicklung eines Projekts (egal, ob App, Gegenstand, Funktion oder Dienstleistung) vier Schritte: Es (1) gibt eine Idee, (2) diese wird umgesetzt und (3) potenziellen Kunden angeboten. Aus den Reaktionen (4) lernt die Firma, wie das Produkt ankommt und wie (bzw.: ob) sich die weitere Entwicklung lohnt. Diese Umsetzungen werden oft auch »Minimal Viable Product« (MVP) genannt. Das ist die kleinstmögliche Umsetzung des Projekts, eine Beschränkung auf das absolut Notwendige und Wesentliche, um die Idee umsetzen zu können.


Das Problem hierbei ist, dass dieser Entwicklungsweg viel Zeit und Geld benötigt; besonders, wenn es sich um greifbare Objekte handelt (wie beispielsweise ein Blumentopf, aber auch ein Smartphone). Viele Schritte müssen erst in mehreren Meetings mit mehreren Abteilungen geklärt und besprochen werden, auch Designumsetzungen brauchen viel Zeit, Arbeit und Iterationen bis man beim Wunschziel ankommt. Als Perfektionistin im Bereich Design kann ich aus Erfahrung sagen: Es ist wahnsinnig schwer zu bestimmen, wann ein Projekt »gut genug« ist, um es zu präsentieren.

Die Design Sprint Methode bietet hierbei eine Art Abkürzung. Nicht, was das Weglassen von Schritten betrifft – aber was die Umsetzungszeit und dessen Strukturierung angeht. In fünf Tagen soll so ein nutzbarer Prototyp einer Projektidee entstehen. Klingt nach wunschdenken? Es gibt dutzende Fallbeispiele, dass Sprint funktioniert. Darunter bei so namhaften Firmen wie Slack, Medium, der Deutschen Telekom oder KLM.

Die Vorbereitung eines Sprints


Um einen Sprint durchzuführen, brauchst du eine Gruppe projektrelevanten Kollegen, ein wichtiges Thema und fünf Tage Zeit. Diese Tage sind für nichts anderes vorgesehen als den Sprint, also nein, das geht nicht nebenbei. Du und deine Gruppe werdet einen eigenen Raum dafür benötigen, der zwischenzeitlich auch nicht aufgeräumt wird (in unserem Workshop ist genau das passiert und es war nahezu unmöglich, die Designüberlegungen von 20 Personen und 10 Projekten wieder richtig zuzuordnen).


Der Raum steht, deine Kollegen machen mit? Ihr werdet Material benötigen. Dazu gehören:

  • Ausreichend funktionierende Stifte (Edding und co., Kugelschreiber sieht man auf Distanz so schlecht)
  • Stapelweise Haftnotizen. Mehrfarbige Blöcke hatten sich in unserem Workshop bewährt.
  • Zwei Timer, um a) die Dauer der jeweiligen Phasen zu zeigen und b) die Zeit bis zur nächsten Pause auf dem Schirm zu behalten
  • »Klebepunkte« oder andere Sticker, die klar einer Kategorie/Farbe zuzuordnen sind, beispielsweise für Abstimmungen
  • Freie Wände oder Glasflächen zum bekleben; ein Whiteboard ist möglicherweise nicht groß genug. Achtung bei Raufasertapeten, auf denen haften Haftnotizen leider überhaupt nicht gut.
  • Einen vorbereiteten Ablaufplan (aka: Das Buch »Sprint – how to solve big problems and test new ideas in just five days« in gedruckter Fassung!)

Der Ablauf

Ein Sprint dauert fünf Tage und beginnt auf einem Montag. Jeder Tag hat dabei klar definitere Zielvorgaben und Aktivitäten. Die genauen Inhalte und Abläufe stehen im Buch, hier habe ich einen groben Überblick für dich:

Montag

Der Tag beginnt damit, das Ziel des Sprints zu erläutern: Welches Problem soll angegangen werden? Zu diesem Thema sollen alle benötigten Experten der Firma ihr Wissen teilen: Wie werden Angebote des Unternehmens bisher genutzt? Wie sehen die Zahlen aus (Nutzer, aber auch Finanzen), was hat der Kundensupport dazu zusagen? Grundsätzlich sind Experten genau die Personen, die einen guten Blick auf mindestens einen Teil dessen haben, was verbessert oder gar neu entwickelt werden soll.


Den Rest des Tages verbringen du und dein Team damit, dieses Wissen zu sammeln und zu überlegen, was man davon in fünf Tagen angehen kann. Denkbar wäre beispielsweise, dass der Kundensupport häufig Supportanfragen zu einem bestimmten Bereich einer Website erhält, oder Anfragen zur Benutzung eines Produkts. Das Ziel könnte in diesem Fall sein: Nutzung des Produkts intuitiver gestalten.

Dienstag


Nachdem das Problem am Vortag verstanden und festgehalten wurde, dreht sich dieser Tag um die Lösungsfindung. Welche Umsetzungsideen gibt es bereits? Das ist nicht nur auf firmeninternes beschränkt, sondern soll auch den Blick über den Tellerrand herausfordern. Gibt es »Best Practices«? Was wird andernorts gemacht und funktioniert dort scheinbar besser? Welche Funktionen und Designentscheidungen könnte man übernehmen und möglicherweise kombinieren, um das Ziel zu erreichen?


Am Nachmittag werden die so entstandenen Ideen genommen und gezeichnet – keine Sorge, es kommt nicht auf Schönheit an. Das kann jeder, der mit etwas Mühe ein passables Strichmännchen hinbekommt. Dieser Schritt besteht aus vier Phasen:

  • Notizen: Jeder bewegt sich durch den Raum (an dessen Wänden inzwischen haufenweise Klebezettel hängen sollten) und notiert sich, was ins Auge sticht. 20 Minuten.
  • Ideen: Entwickeln von Ideen, egal, wie grob. Das, was besonders hervorsticht, wird markiert. 20 Minuten.
  • Die Verrückten 8 («Crazy 8s«): Jeder faltet ein Blatt Papier drei Mal. So entstehen 8 Kästchen. In jedes Feld wird eine Umsetzung der Idee gezeichnet. Wie gesagt: Sehr grob, kein Schönheitswettbewerb. Das dient nur, um etwas zu haben, worüber man später diskutieren kann. Pro Zeichnung maximal eine Minute!
  • Lösungsansatz: Auf einem neuen Blatt zeichnet jeder Beteiligte ein »Storyboard« zu einem der Einfälle aus dem vorhergegangenen Schritt. Es wird aus drei Haftnotizen bestehen. Es sollte selbsterklärend sein und aus Worten und Zeichnungen bestehen. Nicht signieren! Die so entstehenden Lösungsansätze sollten anonym bleiben. Dringend benötigt wird jedoch ein Titel, der leicht zu merken sein sollte. Die so entstandenen Ideen werden für den nächsten Tag gesammelt. 30-90 Minuten.

In der verbleibenden Zeit wird geplant, welche Tester am Freitag eingeladen werden und wie diese ausgewählt werden.

Mittwoch


Beim Bergfest des Sprints steht dein Team vor einem Haufen von Lösungsansätzen des Vortages. Vormittags werden daher alle Ansätze aufgehängt und in der Gruppe besprochen: Was funktioniert? Was nicht? Ist die Idee umsetzungsfähig oder nicht? So bleiben zum Schluss nur die Ansätze über, die den größten Erfolg versprechen.
Nachmittags geht es darum, diese Ideen zu einem Plan zu schmieden: Wie wird die Umsetzung aussehen? Wie wird der Nutzer damit arbeiten? Möglicherweise werden nicht alle Ideen in einem Plan Platz haben, dann muss auch ein zweiter entstehen.


Wichtig ist in diesem Schritt, dass keine neuen Ideen mehr hinzukommen! Es wird tatsächlich nur mit dem gearbeitet, was man hat. Das permanente Auftreten von neuen Ideen ist es, was die Entwicklung neuer Projekte so sehr in die Länge ziehen kann, daher wird das im Sprint außen vor gelassen.

Donnerstag


Zeit für den Prototypen! Dieser muss nur aufweisen, was der Kunde sieht. Das beste Beispiel hierfür ist der Online-Shop-Planer, der überhaupt erst testen möchte, ob ein Onlineshop Sinn macht.

So würde eine Website gestaltet werden, die dem Kunden »vorgaukelt«, es handle sich um einen Onlineshop. Diese Seite kann live gehen, bevor ein eigenes Inventar oder Lagerhallen stehen: Man bietet dem Kunden an, was er kaufen kann und – sobald die Bestellung eingeht – besorgt man es anderswo für seinen Kunden. So lässt sich testen: Ist Interesse da? Funktioniert das Design? Kann ich potenziell Geld damit verdienen? All das und mehr noch bevor man viel Geld in die Hand nehmen musste. Eine Website kann bereits innerhalb weniger Stunden funktionstüchtig erstellt werden.


Während die Einen mit der Umsetzung beschäftigt sind, werden die anderen die morgige Präsentation vorbereiten: Wer ist eingeladen, wer hat zugesagt, wie sieht das jeweilige Interview aus? Es geht beim Sprint nicht darum, innerhalb von fünf Tagen aus dem Nichts das neue Smartphone zu entwickeln, sondern Einblicke darin zu erhalten, ob man mit seinen Ideen auf dem richtigen Weg ist. Daher wird am nächsten Tag auch nicht das fertige Produkt vorgestellt, sondern ein Teil des Produkts, der getestet werden soll. Das dort erhaltene Feedback wird für weitere Sprints und die Entwicklung eingesetzt.


Am Ende des Tages wird der Prototyp getestet. Er muss lediglich für den Nutzer in dem zu testenden Bereich funktionieren. Möchte ich testen, ob ein Service für »Pizza selbst belegen« funktioniert, sollte ich mich auf den Konfigurator der Pizza beschränken. Ob der Bezahlvorgang funktioniert oder jeder andere Teil der Seite ist absolut nebensächlich (und in diesem Zeitplan in der Regel nicht umsetzbar).

Freitag

Heute wird der Prototyp den Testern vorgesetzt und du und dein Team beobachtet: Wie wird er genutzt? Wie interagieren Tester damit? Welche Fragen kommen auf, wird das Produkt überhaupt verstanden?


Diese Erkenntnisse dokumentierst und sammelst du. Am Ende des Tages gibt es so nicht nur ein Umsetzungsbeispiel für die am Montag beschlossene Aufgabe, sondern auch dringend benötigte Einblicke darin, was funktioniert und was nicht. Mit diesen Erkenntnissen kann im weiteren Entwicklungsverlauf gearbeitet werden – natürlich auch außerhalb des Sprint-teams.

Sprints sind großartig


Ich bin ein großer Fan der Sprint-Methode, da ich gerne weiß, ob ich mich in die richtige Richtung mit meinen Ideen bewege, oder mich auf dem Holzweg befinde. Der Haken ist: Ich bin auch Perfektionistin und »Rohbauten« von Projekten vorzustellen ist mir ein Graus. Trotzdem: Sprints sind ein wahnsinnig wichtiges und praktisches Werkzeug, um neue Ideen zu testen.

Fünf Tage Arbeitszeit sollten es wert sein, um die Entwicklung eines wichtigen Projekts spürbar voranzutreiben. Wir haben sie in dem oben beschriebenen Workshop immer dann eingesetzt, wenn wir größere Änderungen vornehmen mussten und hätten es ohne diese strikten Ablaufvorgaben nicht geschafft, am Ende mit einem umgesetzten Projekt pitchen zu können.

Hörbuch oder gedruckte Fassung?

Besorge dir nicht das Hörbuch, kaufe dir das gedruckte Buch, wenn du Sprint einsetzen willst. »Sprint – how to solve big problems and test new ideas in just five days« gibt dir Listen und Abläufe, die du vor, während und nach einem Sprint nachschlagen werden musst – dazu taugt das Hörbuch überhaupt nicht. Die Kapitel sind im Audbile-Player nicht mal benannt, lediglich durchnummeriert. Es ist praktisch, wenn du einen ersten, großen Rundumschlag erhalten willst und wissen möchtest, was auf dich zukommen wird, aber auf sich allein gestellt wird dein Mehrwert wohl leider rein theoretisch und oberflächlich ausfallen.

Das passt dazu

Getting Things Done von David Allen (Review)
Ein wahnsinnig wichtiges Werkzeug, um endlich aufzuhören, auf seine Erinnerung zu hoffen. In diesem Buch leitet der Autor durch die Methodik, wie man Projekte und wichtige Informationen so strukturiert und ablegt, dass man sie nicht nur immer wieder findet, sondern auch weiß, wo man nachschlagen muss.

Measure What Matters von John Doerr (Review)
Ein sehr gutes Buch, das die Methodik der Objektives und Key Results vorstellt. Kurz: Es geht darum festzulegen, in welchen Bereichen sich ein Unternehmen weiterentwickeln sollte und wie das bewerkstelligt und gemessen wird. Klingt trocken, ist aber irre spannend.

The Lean Startup von Eric Ries
Der ideale Begleiter zu Sprint. Hier stellt der Autor vor, wie die Gründung eines Startups gelingt, warum der Bauen-Messen-Lernen-Kreislauf so wichtig ist und was eigentlich hinter einem Minimum Viable Product steckt.

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