Home Gewohnheiten Deep Work | Zeit für wichtige Dinge, statt permanenter Ablenkung

Deep Work | Zeit für wichtige Dinge, statt permanenter Ablenkung

by Christina
Lesedauer ca. 7 Minuten

Ein Buch über die Wichtigkeit des Monotaskens zu hören, während man nebenbei andere Arbeiten erledigt, fühlt sich gelinde gesagt seltsam an. Trotzdem habe ich Deep Work neben anderen Arbeiten gehört und dabei immer wieder gemerkt: Konzentration lässt sich einfach nicht 50/50 aufteilen, egal, wie sehr ich es mir einreden möchte.

Cal Newport

Cal Newport ist Professor an der Gerorgetown Universität (USA) und lehrt im Fachbereich Computerwissenschaften. Er ist mehrfacher Autor und schreibt ausführlich darüber, wie unsere Techniknutzung unser Leben und Zusammenleben beeinflusst. Sein Blog ist hier zu finden.

Der Autor ist auch der Sprecher des Hörbuchs und sein Englisch ist einwandfrei selbst bei Fahrtgeräuschen im Auto klar zu verstehen. Wie bei nahezu jedem Hörbuch ist mir die Sprechgeschwindigkeit jedoch zu gering.

Worum geht es?

Es gibt laut Cal Newport zwei Arten der Arbeit: »Tiefe« (deep) und »oberflächliche« (shallow)1So übersetze ich es mir zumindest, also ist es gut möglich, dass in der offiziellen Deutschen Übersetzung des Buches andere Begriffe gewählt wurden.. »Deep Work« bezeichnet dabei die Arbeit, die ein klares, wichtiges Ziel verfolgt – sei es ein persönliches oder berufliches (oder natürlich eines, das beide Bereiche abdeckt). Es ist das »auf etwas hinarbeiten«; die Arbeit, die getan werden muss, damit ein Wunschziel erreicht werden kann.

Auf der anderen Seite ist die »oberflächliche« Arbeit: Das ist nicht die »unwichtigte« (wobei die, wo immer möglich, grundsätzlich zu meiden ist), sondern die, die nicht zielführend ist. Das können Meetings sein, bei denen sich die Überlegungen im Kreis drehen und schlussendlich nirgendwo hin führen, Mails von Kollegen mit Anfragen zu allen möglichen Dingen und (zumindest meiner Erfahrung nach) einfach alles, was mit »kannst du mal eben […]« beginnt.

Manchmal ist es gut, wenn Erwartungen enttäuscht werden

Ehrlichgesagt hatte ich befürchtet, in diesem Buch sehr viel gepredigt zu bekommen: Dass man nicht dauernd mehrere Dinge auf ein Mal machen soll. Dass man sich auf eine Sache konzentrieren soll, oder auch dass man generell alles, was nicht weiter bringt, ignorieren soll.

Ich habe wesentlich mehr Absolutismen erwartet, als ich bekommen habe. Generell ist das Buch an keiner Stelle »von oben herab«, sondern gibt gute Ansätze und Gewohnheiten, wenn man sich dazu entschließen möchte, das Thema des Buches für sich selbst umzusetzen.

Die Ziele, die man sich stecken sollte

Cal Newport rät dazu, sich Ziele sowohl für das Privatleben, als auch im Beruf zu setzen, dabei gilt Klasse statt Masse. Zu jedem Ziel formuliert man sich im nächsten Schritt, welche Tätigkeiten besonders wichtig dafür sind, das jeweilige Ziel zu erreichen. Das Problem dabei liegt allerdings darin, weder zu generell, noch zu speziell zu werden.

»These activities should be specific enough to allow you to clearly picture doing them. On the other hand, they should be general enough that they are not tied to a one time outcome. For example: »Do better research« is too general. What does it look like to be »doing better research«? While »finish paper on »broadcast lower bounds« in time for upcoming conference submission« is too specific. It’s a one-time outcome. A good activity in this context would be something like »regularly read and understand the cutting-edge results in my field«.

Cal Newport, Deep Work, Rule #3: Quit social Media, etwa ab Minute 32

Mich hat dieser Teil des Buches stark an OKR-Systeme erinnert (Objectives and Key Results). Bei diesen geht es ebenfalls darum herauszufinden, was das Ziel ist und welche wichtigen Arbeiten geleistet werden müssen, um das Ziel im gesetzten Zeitraum bestmöglich zu erreichen. Diese Ziele und Arbeiten müssen dabei zwingend messbar sein, denn wenn etwas nicht messbar ist, kann man es im Nachhinein nicht oder nur schlecht bewerten. Mehr dazu hoffentlich bald in einem weiteren Review.

Unterteilungen zu finden, ist aber nicht in jedem Bereich gleich einfach

Als ich begann, diese Denkensweise auszuprobieren, fiel ich immer wieder darauf hinein, entweder zu speziell oder zu generell vorzugehen. Besonders im Studium ist es nicht immer einfach, die wichtigsten Tätigkeiten herauszufinden, wenn gefühlt alles wichtig ist.

Klar, das Ziel ist »Studium abschließen«, aber wenn die Arbeiten dafür alles von Präsentationen über Klausuren, Projekten und Hausarbeiten beinhalten, lässt es sich meiner Erfahrung nach einfach nicht auf drei Tätigkeiten herunterbrechen. »Mehr für die Uni tun« ist zu unspezifisch und selbst »jeden Tag Aufgaben für die Uni erledigen« fühlt sich eher wie ein Neujahrsvorsatz an, denn wie eine umsetzbare Strategie.

Im Beruf fällt es mir dagegen wesentlich einfacher: Meine Hauptaufgabe ist das Erstellen von Videos. Also sollte ich in der wenigen Büroarbeitszeit mein Hauptaugenmerk darauf legen, am jeweils kommenden Video zu arbeiten, um alle drei Wochen neue Videos veröffentlichen zu können.

»Nein« zu sagen fällt mit Übung tatsächlich leichter

Besonders der Teil des Buches, der sich dem Auswählen von Aufgaben widmet, hat mir immens weitergeholfen.

Mir fällt es sehr schwer, »nein« zu sagen, was in einer viel zu langen Liste noch zu bearbeitender Aufgaben resultierte. Durch Deep Work habe ich gelernt, dass es absolut in Ordnung ist, Aufgaben zu ignorieren, abzugeben oder gar nicht erst anzunehmen, wenn sie nicht zielführend sind. Ja, gewusst hatte ich es auch vorher schon; wem wurde etwas in der Art noch nicht gesagt? Aber manchmal hilft es eben doch, auch die Erfahrung anderer Menschen zu hören um den eigenen Mut aufzupolstern.

Beruflich bin ich beispielsweise für die Erstellung von Videos zuständig. Dazu gehört alles von der Konzeption, dem Videodreh, über den Schnitt, die Bearbeitung, Erstellung des Skripts, Vertonung, Veröffentlichung und dem Herstellen von passendem Marketingmaterial.

Da ich aber nun mal generell Mediendesignerin bin, landen auch immer wieder Gestaltungsaufträge für Anzeigen oder Websites in meinem Posteingang. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich verständlich machen konnte, dass ich für die Erstellung von Videos eine gewisse Menge ununterbrochener Zeit benötige. Daher kann ich »kannst du mal eben« und Werbeanzeigengestaltung nur übernehmen, wenn ich mein Ziel von einem Video pro Woche erreicht habe.2Klar, bei Krankheit oder wichtigen Terminen springe ich ein, aber trotzdem kommt für mich mein Arbeits- und Projektbereich vor »Arbeit auf Zuruf«.

Deep Work hat einen großen Anteil daran, dass ich inzwischen meine Zeit selbst einteilen kann. Ohne die Beispiele des Autors hätte ich kaum den Mut gehabt, meine Arbeitszeit für Videos so vor videofremden Aufgaben zu verteidigen.

Abschalten der Außenwelt

Wenn eine These immer wieder im Buch wiederholt wird, ist es wohl: »Nichts geht über eine möglichst lange, ununterbrochene Zeitspanne an konzentrierter Arbeit, um sein Ziel zu erreichen«.

So weit so einleuchtend, bis mal wieder das Smartphone neben dem Monitor lustig vor sich hinblinkt, weil eine Mail reingekommen ist, jemand irgendwas in Whatsapp geschrieben hat, ein Bild gehertzt wurde,… Als hätte ich es beschworen, fängt meines gerade sogar selbst an zu blinken3Kein Wunder: es ist 23.15 Uhr und es will mich daran erinnern, dass ich noch am Blog schreiben wollte..

Vielleicht ist es aber auch kein Blinklicht, das ablenkt, sondern ein Telefonanruf, oder irgendwer, der genau jetzt ganz dringend etwas braucht,… Wenn man erstmal darauf achtet, finden sich schnell Ablenkungen von der Arbeit, die man eigentlich tun sollte.

Für mich haben sich daraus drei Verfahren ergeben:

  • Mein Smartphone liegt stumm geschaltet in der hintersten Ecke meiner Wohnung 4Nicht schwer bei 20m² Wohnraum
  • Timer wie »30min Recherche« wirken Wunder
  • Ich arbeite zu einer Zeit, zu der alle mir bekannten Personen bereits schlafen sollten.
  • Manchmal hilft es auch, zwei oder drei dieser Techniken miteinander zu verknüpfen.

Timeboxing – Der Kalender in Quadraten

Eine weitere Idee, die Cal Newport in Deep Work vorschlägt, ist das sogenannte »Timeboxing«. Hierbei strukturiert man (bestenfalls vor Arbeitsbeginn), wie der Tag aussehen sollte. Emails ruft man nun nicht mehr automatisch nebenher ab. Stattdessen kümmert man sich beispielsweise von 14 — 15 Uhr ganz um den digitalen Papierkram. Statt immer erreichbar zu sein, macht man es wie Unidozenten und ist nur noch von 16—18 Uhr ansprechbar. Dafür sind aber die Stunden zwischen 9 und 14 Uhr ganz für die Arbeit reserviert, die vorangebracht werden soll.

So sehr ich diese Idee in der Theorie mag: Ich habe noch nicht zwei Tage in Folge geschafft, sie umzusetzen. Cal Newport warnt selbst davor, diese Zeitblöcke nicht zu streng zu sehen, sondern zu verstehen, dass Pläne selten mit der Realität übereinstimmen. In diesen Fällen soll man seine Zeitblöcke anpassen. Mit der Zeit könnte man so ein Gefühl dafür bekommen, welche Arten von Aufgaben wie viel Zeit benötigen.

Vielleicht war ich in meiner Planung auch einfach zu kleinteilig, vielleicht nahm die Perfektionistin in mir Überhand. Ich werde es auf jeden Fall wieder versuchen.

Passende Bücher dazu

Atomic Habits von James Clear (Review )
Viele Techniken, die Cal Newport anspricht, sind im Grund genommen Gewohnheiten, die man sich aneignen sollte. Daher passt ein Buch, dass sich ganz den Gewohnheiten (und wie man sie tatsächlich umsetzt) fantastisch dazu.

The Power of Habit von Charles Duhigg.
Apropos Gewohnheit. Weniger Werkzeug, mehr Hintergrundinformationen, weshalb Rutinen und Gewohnheiten so wichtig für unser Leben sind.

Essentialism von Greg McKeown.
Auch hier dreht sich alles darum, sich Zeit für die wirklich wichtigen Dinge zu nehmen, häufiger »nein« zu sagen und mehr mit der Zeit, die einem gegeben ist, anzufangen. Hierbei geht es nicht unbedingt um Produktivität, sondern generelle Lebensweise.

Measure what Matters von John Doerr.
Eine Vorstellung des »Objectives and Key Results« (OKR) Systems: Wie funktioniert es, was ist es – und was ist es nicht -, wie man es umsetzt und wie Firmen wie Google durch OKRs wachsen.

Podcasts, um im Thema zu bleiben

THE MINIMALISTS PODCAST S1 • E173 | Digital Clutter (with Cal Newport). Sehr gut gemacht und mit einer spannenden Diskussion mit dem Autor von Deep Work. 35 Minuten, die sich lohnen.

Anmerkungen   [ + ]

1. So übersetze ich es mir zumindest, also ist es gut möglich, dass in der offiziellen Deutschen Übersetzung des Buches andere Begriffe gewählt wurden.
2. Klar, bei Krankheit oder wichtigen Terminen springe ich ein, aber trotzdem kommt für mich mein Arbeits- und Projektbereich vor »Arbeit auf Zuruf«.
3. Kein Wunder: es ist 23.15 Uhr und es will mich daran erinnern, dass ich noch am Blog schreiben wollte.
4. Nicht schwer bei 20m² Wohnraum

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